Hat Rea Garvey seine Seele an die deutschen Formatradios verkauft? Der Verdacht liegt nahe: Auf seinem neuen Album „Neon“ klaut sich Rea Garvey ziemlich berechnend durch Hits der jüngeren Chart-Geschichte. Frei nach dem Motto der Prinzen: Das ist alles nur geklaut. Mehr...

Das große „Schon mal gehört“-Quiz mit Rea Garvey
© Olaf Heine / Universal Music

Rea Garvey klaut sich auf „Neon“ ziemlich berechnend durch Hits der jüngeren Chart-Geschichte.

Es ist einfache Psychologie: Klingt etwas vertraut, kann man sich gleich besser damit identifizieren, man fühlt sich wohl und es stellt sich im Bestfall gute Laune ein. Genau auf diesen Effekt setzt Rea Garvey auf seinem vierten Solowerk „Neon“. Der Schuss geht allerdings nach hinten los: Denn einem Album voller zusammengeklauter Elemente aus anderen Hits fehlt es definitiv an Originalität.

Tatsächlich scheint Garvey seine Seele an die deutschen Formatradios verkauft zu haben, die sich nach neuen 08/15-Songs mit den üblichen Akkorden und den obligatorischen Mitsing-Passagen die Finger lecken. „Is It Love?“, die erste Single aus „Neon“, haben sie bereits dankbar in Empfang genommen, um sie den ganzen lieben, langen Tag tot zu dudeln.

Fehlplatzierte Rap-Einlage von Kool Savas

Der Titel hält nur eine Überraschung bereit, nämlich eine kurze Rap-Einlage von Kool Savas. Die will jedoch nicht so recht in die an Justin Timberlakes „What Goes Around...Comes Around“ erinnernde Nummer passen. Bekanntlich schlägt sich deutscher Hip-Hop gerade prima in den Charts, da zählte diese ungewöhnliche Kollaboration einfach zum Pflichtprogramm.

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Vielleicht kam die Zusammenarbeit auch über Produzent Imran „Abaz " Abbas zustande, der für Rea einen Großteil der neuen Songs maßgeschneidert hat. Diesem wurde wohl aufgetragen, den bislang eher rockigen Folk-Pop des 44-Jährigen mit frischen, zeitgemäßen Sounds aufzupeppen.

Copy-and-paste-Hits aus dem Pop-Baukasten

So sind nun durchgehend Plastik-Beats und Synthies, mal mehr, mal weniger intensiv im Hintergrund aktiv. Wenn es sein muss, wird Garveys sonore Stimme auch mal durch die Effektmaschine gejagt.

Da erinnern sich Reamonn-Fans sicher mit Wehmut an das Jahr 2000 zurück. Damals gelang Rea und seiner ehemaligen Band mit „Supergirl“ ein echter Klassiker, der heute noch regelmäßiges Airplay hat.

Die Titel von „Neon“ werden in 18 Jahren tendenziell nicht mehr im Radio laufen. Die nach dem Copy-and-paste-Prinzip zusammengeschusterten Ohrwurm-Kandidaten sind aufgrund ihrer Austauschbarkeit vielmehr dazu verdammt, schnell in Vergessenheit zu geraden.

Die frechen Hit-Variationen des Rea Garvey

Immerhin taugt Garveys Scheibe für ein lustiges Ratespiel: Es genügen meist ein paar wenige Takte bei jedem Lied, bis sich die Frage aufdrängt, welches andere hier wohl als inspirierende Vorlage gedient hat. Manchmal werden auch gleich mehrere Charts-Erfolge herangezogen, um etwas vermeintlich Neues daraus zu stricken.

Spoiler gefällig? Bitteschön: Das Durchhalte-Parolen zelebrierende „Never Giving Up“ bedient sich beim Chainsmokers-Kracher „Don't Le Me Down“. „Water“ schaut sich viel beim Hit „Thunder“ ab, von dem die US-Band Imagine Dragons im vergangenen Jahr weltweit über 3,8 Millionen Einheiten verkauft hat. Davon kann auch die kurze Fiedelei nicht ablenken, die wohl vortäuschen soll, Garvey besinne sich auf seinen irischen Wurzeln.

Banalitäten im simplen Floskel-Englisch

Wenn man es nicht besser wüsste, würde man den Sänger beim Blick auf die Lyrics nicht für einen englischen Muttersprachler halten. Doch vermutlich ist es kein Zufall, dass es textlich sehr simpel bleibt – mit all den abgedroschenen Floskeln und Reimen, auf die bereits unzählige andere Popsongs zurückgreifen.

Schließlich gilt es auch hier, auf Vertrautes zu setzen, um den Wohlfühl-Modus bloß nicht zu unterbrechen. Entsprechend vermitteln die Lieder banale Weisheiten wie „Das Leben ist schön“ („Beautiful Life“) und „Liebe tut weh“ („Love Hurts“), also zumindest manchmal. Ein bisschen Herzschmerz wie bei „SMS (Just Want To Be Loved)" und „Turn Me Away“ gehört eben mit dazu.

„Neon“-Tour startet im September

Sogar ein wenig düster wird es beim dramatisch stampfenden „Darkness“, das mit bedrohlichen Piano-Akkorden, einer griffigen Bläser-Hookline, brummeligem Gesang und wuchtigen Beats aufwartet. Leider ist der einzig richtig gute Song auf „Neon“ nach kurzen drei Minuten schon wieder vorbei. Dennoch zeigt er eines ganz deutlich: Ein Rea Garvey im modernen Pop-Gewand hätte durchaus funktionieren können.

Vielleicht gelingt es dem Musiker, sein neues Sammelsurium an Beliebigkeiten live etwas rockiger und aufregender zu verpacken. Ab September geht es auf Tour durch Deutschland, Österreich und die Schweiz. Tickets sind bereits im Vorverkauf erhältlich.

Alle Termine unter: www.reagarvey.com

Veröffentlichung: 23.03.2018 (Island / Universal Music)

  • Rezension zu: Rea Garvey: Neon
  • Redaktionswertung:

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