Adel Tawil wollte auf seinem neuen Album „Alles lebt" offensichtlich moderner und frischer klingen. Der durchschaubare Deutsch-Pop des Sängers geht diesmal einher mit einer penetranten Beat-Offensive. Diese kann alte Probleme allerdings nicht lösen. Mehr...

Neuer Sound für Adel Tawil
© Sebastian Magnani / BMG Rights Management

Frischzellenkur für den Sound von Adel Tawil: Die penetrante Beat-Offensive löst aber keine Probleme.

Die Lage mag noch so aussichtslos und verzweifelt erscheinen. Adel Tawil findet stets einen Weg, sie schönzusingen. Im Text zum Song „Atombombe", der auf seinem dritten Solowerk „Alles lebt" zu finden ist, malt er etwa ein ganzes düsteres Szenario: Eine Nuklearkatastrophe steht unmittelbar bevor. Das Ende naht. Doch gerade in diesem Ausnahmezustand zieht das Leben noch einmal an Adel vorbei und er stellt fest: „Die Welt sieht schön aus, so kurz vor ihrem Ende!“

Mit Rapper Bausa im Fernweh-Modus

Wenn zum dramatischen Refrain die Plastik-Beats einsetzen und die Bässe ganz tief brummeln, ist ohnehin Endzeit-Party im Club angesagt. Tawil scheint seit seinem letzten Album "So schön anders" (2017) viel deutschen Hip-Hop und vielleicht auch ein paar alte Timbaland-Scheiben gehört zu haben. Denn bei fast jedem der neuen Tracks stampft, scheppert und kracht es aus den Lautsprecher-Boxen.

Amazon Unlimited Music Anzeige

Mit Bausa schaut beim Fernweh-Klopfer "Hawaii" sogar einer der aktuell angesagtesten Deutsch-Rapper vorbei. Die Zeichen stehen klar auf Sound-Update: Mit der beat-orientierten Produktion will Adel wohl frischer und moderner klingen. Im Falle von "Liebe To Go" und "Katsching" geht das allerdings auf Kosten der Melodien. Es bleibt bei monoton wiederholten Schlagwort-Songs. Doch ein Mann großer Worte war Tawil ohnehin noch nie.

Erfolglose Französisch-Lektion

Auf „Alles lebt" verliert sich der 40-Jährige einmal mehr in abgedroschenen Floskeln, Reimen und Metaphern aus dem Deutsch-Pop-Baukasten. Das Einstreuen von französischen Textzeilen wie bei "Tu m'appelles" macht es leider nicht besser, entsprechende Sprachkenntnisse vorausgesetzt. Das Duett mit der deutsch-bulgarischen Sängerin Peachy verfehlte als erste Vorab-Single übrigens komplett den Einstieg in die deutschen Charts.

Vielleicht steht Tawils Fangemeinde einfach mehr der Sinn nach Balladen mit viel Kitsch und Pathos. Zu den Akkorden von Max Giesingers "80 Millionen" entdeckt der Adel sein "Neues Ich". Sehr schlageresk und mit holprigen Lyrics kommt "DNA“ daher. Davon können die allgegenwärtigen Plastik-Beats kaum ablenken.

Hurra, das Leben ist schön

Zum pianesken Auftakt von "Wohin soll ich gehen" hört man beinahe Adele "Hello" sagen, bevor es überraschend politisch wird. Tawil thematisiert die Bedrohung durch rechte Bewegungen und die zunehmende Fremdenfeindlichkeit. Aber es geht in dem Titel vor allem auch um Heimatverbundenheit und gelungene Integration. Der Sänger mit den ägyptisch-tunesischen Wurzeln trägt zwar wieder zu dick auf, doch der Gedanke und die Botschaft zählen.

In vielen anderen Momenten wird es deutlich belangloser: Platte Komplimente hagelt es für die Angebetete im Disco-Liedchen "Neonfarben". Auch die sommerliche Dance-Nummer "1000 gute Gründe" erweist sich als wenig originelle Liebeserklärung. Im Titelsong „Alles lebt" zelebriert Tawil einfach nur das Leben. Das läuft vielleicht nicht immer ganz reibungslos ("Unter demselben Himmel"), doch ein hoffnungsvoller Blick nach oben reicht ihm für die Gewissheit: Alles wird gut. Nun ja, vielleicht beim nächsten Album!

Mehr Infos zu Adel Tawil: www.adel-tawil.de

Veröffentlichung am 21.06.2019 (BMG Rights Management / Warner)

Angebote auf amazon.de

B07QCTQJXSB07Q4G59XBB06XH65ML8B00FJJ0G4W

  • Rezension zu: Adel Tawil: Alles lebt
  • Redaktionswertung:

Kommentar schreiben

Senden

Weitere Albumchecks